Jonti

Jonti

Wenn ich hier die Geschichte von Jontis Geburt erzählen will, muß ich etwas weiter ausholen.
Alles fing in der Schwangerschaft unserer dritten Tochter an. Wir waren ganz neu hergezogen und auf der Suche nach einer Nachsorgehebamme. So lernten wir eher zufällig Myriam kennen, denn die uns empfohlene Hebamme hatte keine Zeit und empfahl uns eben Myriam. Diese kam dann erstmal zu einem unverbindlichen „Schnuppergespräch“ vorbei; sie war uns mit ihrer lieben, ruhigen Art aber sofort sympathisch. Auch unsrer beiden Großen – damals 3 und 1 Jahr alt – schlossen sie gleich in ihr Herz. Wir hatten unsere Hebamme gefunden.
Myriam machte bei mir dann auch die  Akupunktursitzungen und die letzten, fälligen Vorsorgeuntersuchungen. So hatten wir ausreichend Möglichkeit uns kennenzulernen, und andererseits sparte ich mir den Weg zu meinem Gynäkologen. Unpraktischerweise war der nämlich noch in Celle und somit relativ weit weg.
Für die Entbindung entschieden wir uns erneut – wenn auch schweren Herzens – ambulant ins Krankenhaus zu fahren. Leider lief viel schief und die Geburt war total verkorkst; aber uns ging´s gut und so waren wir nach zwei Stunden wieder zu Hause. Myriam kam zur Nachsorge, pflegte mich im Wochenbett und zeigte den beiden großen Mädchen geduldig den Umgang mit unserer Kleinen. Während einem ihrer Besuche erwähnte sie so ganz nebenbei, dass sie noch auf den Anruf einer Hausgeburtsmutter warte. Myriam betreute auch Hausgeburten? Na, dass hätten wir mal eher wissen müssen…
Das war Anfang 2002. In der Zwischenzeit ist viel passiert: Unsere Kleine war mittlerweile groß, wir sind in unser Haus gezogen und Myriam hatte mit zwei Kolleginnen das Geburtshaus in Walsrode gegründet.
Als ich letzten Sommer dann schwanger wurde, standen für uns zwei Dinge gleich fest: Wir gehen diesmal 1.) wieder zu Myriam und 2.) auf gar keinen Fall ins Krankenhaus. Wir wollten eine Entbindung in vertrauter, gemütlicher Atmosphäre ganz selbstbestimmt erleben. Wir wollten dieses mal keinen Termindruck aufgezwängt bekommen, nur weil das Baby  „unpünktlich“ kam. Wir wünschten uns die Hebamme als liebe Begleiterin und stille Beobachterin; nicht als Fachpersonal, das nur den medizinischen, nicht aber den menschlichen Bedürfnissen gerecht wird. Aber am allermeisten wünschten wir uns eine sanfte Geburt, einen liebevollen Empfang und würdigen Umgang mit mir und vor allem unserem Baby. Wir wollten einfach wissen, wer uns begleitet und unser Baby empfängt. Deshalb entschieden wir uns für Myriam und das Geburtshaus. Für´s  erste.
Die Schwangerschaft verlief ( wie immer ) planmäßig, dem Baby und mir ging es ( auch wie immer ) bestens. So entschlossen wir uns mit der Zeit doch gegen das Geburtshaus und planten eine Hausgeburt mit Myriam. Für uns und das Baby wäre es so eindeutig entspannter: Wir  müssten nicht erst nach Hause umziehen sondern könnten uns gleich ins Bett kuscheln und genießen. Außerdem könnten die drei großen Mädchen ihren Bruder sofort in Empfang nehmen und müssten nicht auf uns warten. Und eine große Badewanne haben wir schließlich auch…
Leider wurden wir von vielen Leuten wegen unserer Entscheidung, zu Hause entbinden zu wollen, angefeindet. Das wäre doch viel zu riskant, was da alles passieren könne… Aber wir waren uns sicher. Wir wussten, was wir uns zumuten können. Außerdem waren alle Geburten ohne Komplikationen gelaufen. Warum sollte sich da jetzt etwas dran ändern?
So warteten wir alle gespannt auf den großen Tag X. Termin war am 08. Mai 2006. Da aber alle unsere Kinder länger gebraucht haben, rechnete ich mit einer Entbindung nicht vorm 12. Mai.
Am 04. Mai wurde ich nachts mit leichten Wehen wach, dachte mir aber erstmal nichts dabei. Das hatte ich jetzt schon die dritte Nacht in Folge, die gehen gleich wieder weg… Ans Schlafen war trotzdem nicht zu denken, so stand ich irgendwann auf und ging runter ins Wohnzimmer. So langsam wurden die Wehen dann stärker und mir wurde klar, dass die Wehen wohl nicht mehr weggehen werden. Sie waren zwar noch unregelmäßig und gut zu ertragen, aber eindeutig.
So ging die eine ganze Zeit lang weiter, ohne das sich viel veränderte. Stefan war in der Zwischenzeit auch aufgestanden und unruhiger als ich. Am liebsten hätte er Myriam sofort aus dem Bett geklingelt. Die Wehen waren jetzt zwar schon deutlich stärker, aber immer noch unregelmäßig. Ich machte noch die Kinder für die Schule bzw. den Kindergarten fertig ( sie haben tatsächlich nichts gemerkt!) und Stefan brachte sie weg. So gut ging es mir dann nun doch nicht mehr; ich frühstückte lieber in Ruhe und freute mich über die anstehende Geburt.
So langsam wurde es dann auch ernst, die Wehen musste ich mittlerweile beatmen und der Druck nach unten war ziemlich unangenehm, so dass ich nicht mehr richtig sitzen konnte.
Wir riefen Myriam an, die dann bald darauf  bei uns ankam. Sie brachte auch Dorothea mit, die wir schon während der letzten Vorsorgeuntersuchungen und Akupunktursitzungen kennengelernt hatten. Sie machte zurzeit  ein Praktikum und hoffte darauf, eine Geburt „live“ miterleben zu dürfen. Da Dorothea uns gleich sympathisch war, hatten wir generell nichts dagegen. Allerdings ließ ich mir die Option offen, sie im Zweifelsfall doch vor die Tür schicken zu dürfen.
Während Myriam mich untersuchte, beschäftigte Dorothea sich mit unserer Jüngsten. Die war ziemlich aufgeregt, schließlich  würde heute endlich „ihr“ Baby kommen. Und auch Dorothea tat die Ablenkung gut.
Der Unterbesuchungsbefund war niederschmetternd: der Muttermund hatte sich gerademal 3 cm geöffnet. Aber Myriam blieb. Denn, das wusste auch ich, es konnte jetzt noch einige Zeit dauern, es könnte aber auch alles ganz schnell gehen.
So saßen wir am Esstisch, tranken Tee und ich beatmete  die Wehen. Die kamen jetzt häufiger und der Druck nach unten wurde immer schlimmer, so dass ich dachte, daß , wenn die Kinder mittags wiederkämen, das Baby da sei. Dem war aber nicht so.
Myriam horchte in der Zwischenzeit immer wieder mal nach den Herztönen des Babys- alles bestens. So langsam wurde ich unruhig und Myriam ließ oben im Badezimmer das Wasser in Wanne, denn wir hatten uns wieder eine Wassergeburt gewünscht. Das warme Wasser wirkte so entspannend auf mich, dass die Wehen erstmal nachließen. In der Zwischenzeit hatte Stefan für´s Mittagessen frische Brötchen geholt und die beiden Großen aus Schule und Kindergarten mitgebracht. Die waren ganz aus dem Häuschen und mussten erstmal nach mir sehen. Sie konnten die Geburt kaum abwarten. Da es mir soweit gut ging, aßen auch Myriam und Dorothea erstmal zu Mittag, mit einem Ohr immer oben bei mir im Badezimmer.
Ich saß in der Wanne, die mittlerweile kräftigen Wehen waren nur noch schwer zu ertragen. In den Wehenpausen lenkte Myriam mich jetzt nicht mehr ab, sie beobachtete einfach nur still.
Der letzte Untersuchungsbefund lautete 7 cm , mit dem Baby alles bestens.
Stefan war noch immer mit den Mädchen unten in der Küche. Ich konnte und wollte mittlerweile nicht mehr und schimpfte mit unserem Baby, dass er sich nicht so viel Zeit lassen solle und mir schon ein bisschen helfe müsse. Der hatte echt die Ruhe weg…
Prompt in der nächsten Wehe verspürte ich den Drang zu pressen, traute mich aber nicht. Myriam hatte an meinem Getöne gleich erkannt, was los war und Dorothea nach unten geschickt, um Stefan zu holen. Der hatte mich aber auch gehört und wusste nach drei miterlebten Geburten, wann es wirklich ernst wird. Er war schon auf der Treppe.
In der nächsten Wehe presste ich dann mit und die Fruchtblase platzte. Der Kopf rutschte sofort hinterher und mit der nächsten Wehe war Jonti geboren. Plötzlich ist es dann doch ganz schnell gegangen!! Myriam legte mir Jonti auf den Bauch und deckte ihn mit einem Handtuch zu. Wow, hat der toll gerochen! Und war der hübsch!
Da das Wasser ganz  sauber und Jonti topfit war, holte Stefan die großen Schwestern zum Gucken. Die hatten erst  mich und dann das Baby schreien hören und wussten schon Bescheid. Nur die mittlere traute sich nicht und blieb lieber unten. Die beiden anderen waren fasziniert, sie wollten gar nicht wieder gehen. Jonti verschlief den ganzen Trubel um seine Person auf meiner Brust und Myriam nutzte die Ruhe und schoß Fotos von unserem Frischling.
Nachdem  die Nachgeburt geboren war, duschte ich mich ab, Jonti wurde von Dorothea gehalten ( ach , die war ja auch noch da ). Myriam bereitete mir das Bett vor, in das ich mich dann sofort kuschelte. Die frische Luft tat gut – erst jetzt merkte ich, dass bei uns im Bad ein Klima wie im tropischen Regerwald herrschte.
Myriam machte bei Jonti die U 1 und zog ihn an. Alles im Badezimmer auf dem Boden, damit die stolzen Schwestern zusehen können und auch ja nichts verpassen. Frisch angezogen und warm eingepuckt durfte er dann endlich zu mir. Er kam mir unendlich klein und zart vor. Und er roch noch immer so gut.
Später brachten Stefan und die Kinder Dorothea zum Geburtshaus, wo ihr Auto stand. In der Zwischenzeit nähte Myriam den kleinen Riss. Im Nachhinein betrachtet war das schlimmer als die Geburt ansich.
Jonti hatte ich mittlerweile das erste Mal gestillt, jetzt lag er friedlich neben mir und schlief. Und ich aß frischen Erdbeerkuchen zur Geburtstagsfeier und war einfach nur hundemüde und gleichzeitig aber auch viel zu glücklich und aufgeregt, um ans Schlafen zu denken.
Myriam besuchte uns dann oft im Wochenbett und als der Alltag uns so langsam wieder einholte. Jonti ist mittlerweile schon vier Monate alt und nach wie vor ein munteres, zufriedenes Baby. Und die drei großen Schwestern sind nach wie vor ganz vernarrt in ihren kleinen Bruder und stolz wie eh und je.
Abschließend kann ich nur sagen:
Obwohl dies die längste und vor allem schmerzhafteste Geburt war, so war es doch auch die schönste. Myriam hat uns nicht bevormundet, nur ruhig beobachtet und begleitet. Wir haben Jonti völlig selbstbestimmt geboren und empfangen. Obwohl keine medizinischen Hilfsmittel und Ärzte für den Notfall da waren : nie habe ich mich sicherer gefühlt. Jontis Geburt ist genau so verlaufen, wie ich mir eine Geburt und vor allem die Begleitung immer gewünscht habe.
Und obwohl unsere Familienplanung mit vier Kindern jetzt eigentlich abgeschlossen ist, steht fest : Sollten wir doch noch ein fünftes Kind bekommen, dann wieder nur zu Hause und wieder nur mit Myriam.

 

Jonti wog bei seiner Geburt 3980 g und war 52 cm groß.

 

Kathrin