“Positiv”...
Da saß ich nun, Mittwoch 12.10.2005. Auf dem Flur vor der Badezimmertür sprangen Tjark und Emilie fröhlich rum und ich dachte ich fall gleich vom Toilettendeckel. War doch eigentlich gerade die Entscheidung gefallen, dass wir bei zwei Kindern bleiben, kein weiteres Kind mehr und nun das...
Der Schock saß erst mal, die letzte Schwangerschaft mit Emilie endete mit Cerclage und ewigem Liegen und Wehenhemmer- wie sollte das denn nun mit zwei Kindern gehen falls es wieder so enden sollte?
Aber gut, es ist wie es ist, also auf in den Kampf.
Maik war auf einer dreimonatigen Weiterbildung, gerade wieder hingefahren und kam erst einen Tag später wieder nach Haus, ich hatte also 24 Stunden Vorsprung mich mit dem Gedanken wieder schwanger zu sein anzufreunden und das gelang mir erstaunlich schnell!
Auch für Maik war es erst mal ein Schock, mit drei Kindern ist vieles so “unbequem”: unser Haus hatte zwei Kinderzimmer, das Auto war auf zwei Kinder ausgerichtet, die meisten Urlaube sind auf zwei Kinder ausgelegt...aber irgendwann wurden diese Gedanken immer weniger, die Freude auf unsere Zaubermaus immer größer.
Die Schwangerschaft mit Ann-Julie verlief so ganz anders als die mit Emilie: ich hatte keinerlei Beschwerden, nahm weniger zu, keine vorzeitigen Wehen, einfach traumhaft!
Bei Emilie hatte ich schon Myriam als Hebamme, es war sofort klar, dass sich mich wieder betreuen soll.
Der errechnete Geburtstermin von unserer Maus war der 02.06.2006.
Da Tjark und Emilie auf einem Montag geboren waren, fand Maik die Idee schön, wenn auch die Kleine jetzt an einem Montag geboren wäre. Er hat sich Termine rausgesucht die er gern hätte: Tjark wurde am 24. geboren , Emilie am 23...für Ann-Julie fand er daher den 22. oder 25. Mai schön, aber Kinder kommen nun mal nicht nach Terminplan der Eltern- zumindest nicht ganz...
Hier kommt jetzt der Bericht den ich direkt am Tag nach Ann-Julies Geburt geschrieben habe, die Erinnerungen waren also noch ganz frisch.
Eines noch vorweg:
Ich habe zu Tjarks Geburt einen Wehencocktail im Krankenhaus bekommen, habe diesen bei Emilie sowie auch bei Ann-Julie zu Hause selbst gemacht und eigenmächtig eingenommen, allerdings sollte man dies nicht tun- also bitte nicht nachmachen, das ganze birgt nämlich auch immer Risiken für das Kind!
Ich habe lange überlegt, ob ich es einfach aus dem Bericht rauslasse, aber es gehört einfach zu Ann-Julies Geburt dazu, deshalb möchte ich es nicht weglassen.
Geburtsbericht Ann-Julie:
Gehofft hatten wir ja schon die ganze Zeit auf dich, meine Maus
angefangen vom Wochenende vor meinem Geburtstag, über den 22.5 ( hätte sich dein Papa so gewünscht, dann hätte er sich die Geburtstage so gut merken können), bis hin zu verschiedenen Sonntagen und Montagen...
am 29.5 ( wieder ein Montag) war ich dann zu ungeduldig:
Morgens um acht habe ich mit Emilie den Tjark in den Kiga gebracht und danach die Zutaten für den Wehencocktail besorgt...
Um 9 h Cocktail gemixt und angefangen zu trinken, 9.30 h hatte ich den halben Liter intus und hab in mich gelauscht...
aber außer deinen normalen Bewegungen hab ich einfach null gespürt. also hab ich mit Emilie das gewohnte Vormittagsprogramm abgezogen, inklusive Hausputz.
Um 12 h haben wir dann Tjark wieder aus dem Kiga abgeholt, Emilie schlief zu Hause und ich bin schnell mit dem Auto gefahren. Im Auto dann das erste Ziehen am Muttermund, harter Bauch...ich war gespannt
Deinem Pa habe ich das Ergebnis des Cocktails mitgeteilt: alle paar Minuten wurde mein Bauch schön hart und es zog leicht am Muttermund. Papa war ganz aufgeregt und wollte sofort Oma und Opa her haben, ich war allerdings der Meinung, dass das eh nichts wird mit Entbinden am Montag...irgendwie war das ziehen viiiel zu leicht.
Trotzdem hab ich Oma angerufen und sie sind dann auch bald gekommen.
Die Wehen gingen dann bis abends um sechs, dann war alles vorbei- genau wie bei Emilie damals nach dem ersten Cocktail, da war nach ein paar Stunden dann auch Ruhe und ging erst nach dem nächsten Cocktail am Folgetag weiter...
Dienstag, 30.05.2006:
Dein Papa kam vom Frühdienst, Omi war hier geblieben, es konnte ja nun wirklich nicht mehr lange dauern...
um 14.20h drängte Papa darauf, dass ich noch einen Cocktail probieren sollte...gesagt- getan
An dieser Stelle möchte ich dir nicht verheimlichen, dass das Zeugs wirklich widerwärtig ist...!!!
Wieder hieß es abwarten, wieder tat sich nichts...das Wetter war ziemlich durchwachsen an diesem Tag, gegen vier riss die Wolkendecke auf, Omi und ich sind mit deinen Geschwistern in den Garten und ich hab mir den Rasenmäher geschnappt...
Der Rest des Tages verlief eigentlich völlig ereignislos: wir haben uns mit deinen Geschwistern beschäftigt, Abendbrot gegessen, die kleinen ins Bett gebracht und fern gesehen.
Gegen 23h sind Papa und ich ins Bett gegangen, da hatte ich dann wieder den harten Bauch und ein leichtes ( aber wirklich nur gaaanz leichtes ziehen) am Muttermund, das hab ich Papa auch erzählt. Er hat mir den Rücken massiert und dann wollten wir schlafen.
Gegen 0.15 h wurde das Ziehen etwas stärker und ich wollte rumlaufen, im liegen war es unangenehmer. Also bin ich aufgestanden und im Bad oben rumgelaufen- immer im Kreis.
Irgendwann musste ich dann auf die Toilette, ich hab immer geschaut ob mal der Schleimpfropf abgeht, aber da kam überhaupt nichts...
Gegen kurz nach eins wurde dann Emilie wach: das Problem war nun aber, dass sie sich nur von mir nachts beruhigen ließ...und ich konnte nicht mehr wirklich liegen- die Wehen waren regelmäßig und sehr gut auszuhalten, wurden aber unangenehm sowie ich mich hinlegte.
Emilie schlief ein und dein Papa und ich wollten nach unten gehen um abzuwarten ob die Wehen wieder aufhören wie tags zuvor- und davon ging ich ganz fest aus!
Kaum standen wir an der Tür, kam Emilie hinterher...
Um 1.36 h haben wir aufgegeben und Emilie einfach mit runter genommen. Oma wurde auch wach und hat sich dann um Emilie gekümmert.
Ich bin in T-Shirt, Schlafanzughose und Bademantel durchs Haus getigert und hab die Kerzen überall angemacht, die ich Tage vorher schon sorgfältig platziert hatte...dein Papa drängte darauf Myriam anzurufen, aber irgendwie meinte ich immer noch, dass hört ganz bestimmt wieder auf...
1.45 h war mir klar, dass das nicht aufhört!!! Die Wehen wurden plötzlich stärker, ich musste schon fast veratmen. Schnell Myriam angerufen, Badewasser einlaufen lassen.
Papa hat Kaffee aufgesetzt und die Folie aufs Sofa und die Matratze davor gelegt.
Oma ist mit Emilie wieder hoch gegangen und hat sie ins Bett gebracht. Ich lief weiter durchs Haus. Es kam immer eine Wehe die in etwa eine Minute und teils länger ging, danach war kurz Pause und dann kam eine kurze Wehe. Und inzwischen waren sie heftig !!!
Bei jeder Wehe hab ich mich auf den Esstisch oder die Küchenarbeitsplatte aufgestützt, während die Intensität der Wehe zunahm bin ich dann runtergerutscht, bis ich schlußendlich immer auf dem Fußboden mit unter mir angezogenen Knien, weit nach hinten gebeugt zu sitzen kam.
Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein...
Papa war die ganze Zeit am rumlaufen und hielt Ausschau nach Myriam...als sie kam, ist er sofort an den Computer verschwunden- für ihn war das einfach nichts- er konnte mit der Situation so am besten umgehen und es war so abgesprochen, denn so hatte ich Ruhe für mich.
2.30 h:
Myriam kam als ich gerade eine Wehe vor dem Geschirrspüler veratmete. O-Ton:" Das sind Wehen..."
Ich: "Das SIND Wehen !!!"
Vier oder fünf Wehen später hatte ich es dann mal geschafft ins Wohnzimmer auf die Matratze zu kommen, damit Myriam schauen konnte wie viel wir schon geschafft hatten- satte sieben bis acht Zentimeter war der Muttermund schon auf. Wir haben dann beschlossen ins Bad überzuwechseln, aber bevor ich aufstehen konnte kam schon die nächste Wehe. Und die war so gemein, ich konnte mich nicht mehr bewegen und hang ziemlich unglücklich rückwärts auf das Sofa gelehnt...das war der einzige Moment in dem ich mich gefragt hab, ob die Idee mit der Hausgeburt wirklich soo toll war...hatte ich mir doch damit die Möglichkeit einer PDA genommen...
Aber auch diese Wehe ließ irgendwann mal nach, Wehen sind so...die hören Gott-sei-Dank auch irgendwann mal wieder auf.
Tjark schlief übrigens die ganze Zeit, Emilie war inzwischen wohl auch wieder eingeschlafen und Omi war auch mit unten. Papa saß immer noch am Computer.
In der Badewanne hatte ich dann erst mal für ca. 5 Minuten eine kleine Verschnaufpause, die Wehen waren jetzt etwas leichter, wurden aber nach kurzer Zeit wieder ziemlich stark. Myriam und ich haben fast gar nichts gesprochen, sie saß vor der Badewanne, ging zwischendurch in die Küche um Notizen zu machen und trank ihren Kaffee. Ich war die ganze Zeit ziemlich auf meine Wehen konzentriert. deine Bewegungen waren ziemlich heftig. Ich habe mir immer wieder in Gedanken versucht klar zu machen, dass die Wehen dich mir ein Stück näher bringen- war gar nicht so einfach, denn irgendwann waren die so heftig, dass ich zu Myriam nur gesagt hab:" Bitte sag, dass es nicht mehr lange dauert..." und sie hat es gesagt, ich musste wirklich lachen in dem Moment!
Das war auch so total anders als bei deiner Schwester: ich war zwar irgendwie total abgeschaltet und in meiner eigenen Welt, konnte mich aber völlig klar unterhalten!
Als Myriam das nächste mal kurz draußen war hab ich einfach mal gefühlt...ich wollte wissen, ob ich deinen Kopf schon spüren kann, denn der Druck hatte sich verändert und so wie die Wehen jetzt waren, so waren sie bei Emilie kurz vor dem Ende...
Ich konnte die Fruchtblase und dein Köpfchen tatsächlich spüren, ich hab das dann Myriam gleich erzählt und gefragt was wir mit der Fruchtblase machen- aufmachen oder zulassen?
Wir haben sie zugelassen und ich sollte mich nach vorn beugen über den Wannenrand damit Myriam deine Herztöne hören kann, aber es kam schon wieder eine Wehe und die war total anders!
Also hab ich schnell nach deinem Papa gerufen, der kam sofort angerannt und gerade als er in der Tür war, platzte die Fruchtblase!
Die nächste Wehe war schon eine Presswehe! Ich hab einfach nichts gemacht und nur auf den Druck in meinem Bauch geachtet. Ich konnte dich spüren- es war wie ein Fahrstuhl der nach unten fährt...
Erst als Myriam sagte:" ...da ist schon das Köpfchen..." hab ich ein bißchen geschoben.
Die nächste Wehe, wieder den Druck abgewartet, der Fahrstuhl fuhr weiter und zum Ende hin hab ich dann wieder ein wenig geschoben...
Es war 3.08 h und du warst geboren !!!
Da ich in der Badewanne mit dem Rücken zu Myriam und dem Badewannenstöpsel saß, musste ich mich erst rumdrehen, damit Myriam dich auf meinen Bauch legen konnte...dafür musste ich aber erst mal über die Nabelschnur turnen...
gesagt, getan. Und dann saß ich da in meiner Badewanne und hatte dich auf dem Arm, dein Papa saß neben uns auf dem Klodeckel, Myriam hockte vor der Wanne in der offenen Tür, die Kerzen brannten und du hast deine Augen einfach zu gelassen und leise vor dich hin gemeckert.
Oma kam auch gleich schauen als sie dich hörte und alle waren wir begeistert von dir! Die Ähnlichkeit mit deinem Bruder war echt der Hit!!! Tjark sah nach der Geburt genauso aus.
Wir haben die Nabelschnur auspulsieren lassen, was ziemlich lange gedauert hat.
In der Zwischenzeit war Emilie wieder wach geworden und kam runter um dich zu begrüßen.
Oma hat dann die Nabelschnur zerschnitten, die Placenta kam dann auch bald, wir haben sie aufgehoben und inzwischen steht dein Apfelbaum den du von deiner Patentante bekommen hast darauf.
Myriam hat die U1 gemacht, den kleinen Riss den ich hatte mit zwei Stichen genäht und dann ist der Papa mit dir schlafen gegangen.
Ich hab erst den Bericht geschrieben, damit ich nichts vergesse und du später einmal genau weißt wie deine Geburt war, dann bin auch ich schlafen gegangen...
Ich möchte diese Stelle einmal nutzen um Myriam zu danken:
Ich habe immer noch zwei Sätze im Gedächtnis:
Als ich sie anrief und ihr erzählte, dass sich ein Mäuschen bei uns eingeschlichen hat, sagte sie: „Es gibt Kinder die wollen einfach auf diese Welt...“
Und damit hat sie Recht- ich glaube fest daran, dass Ann-Julie unser Mäuschen ist, was eine Extrarunde im Universum gedreht hat, bis sie den Weg zu uns fand ( wir hatten vor der Schwangerschaft mit Tjark eine Fehlgeburt in der 6 Woche).
Und zum anderen sagte sie zu Maik als er dem Gedanken Hausgeburt sehr kritisch gegenüber stand: „ Kinder kriegen ist eh Frauensache...“
Damit war ihm aller Wind aus den Segeln genommen, denn , ganz ehrlich: mein Mann ist zur Unterstützung bei Geburten nicht wirklich hilfreich, er hat viel zu viel Angst...!
Deshalb hat er diese Geburt auch kaum mitbekommen, erst den Entscheidenen Moment der wirklichen Geburt...
Und somit war klar, dass ich allein den Geburtsort bestimmen werde- unser zu Hause!
Ich würde mich immer wieder für eine Hausgeburt entscheiden, sofern die Schwangerschaft komplikationslos verläuft- für mich war es genau richtig!
Vielen, vielen Dank, Myriam- für die wundervolle Betreuung in der Schwangerschaft.
Die ruhige, besonnen Betreuung unter der Geburt, die mir ermöglicht hat völlig selbstbestimmt und eigentlich auch fast allein mein Töchterchen zu gebären.
Und für die schöne Betreuung im Wochenbett!
Natascha
Ann- Julie wog bei ihrer Geburt 3180 g und war 51 cm groß
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